Dieser wurde ebenfalls sehr unterschätzt. Auch die negativen Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen sowie auf die internationale Sicherheit hat in der Form wohl niemand vorhergesagt.

Am Montag beginnt im polnischen Kattowitz die diesjährige UN-Klimakonferenz. Die Voraussetzungen sind gegenüber der ersten Konferenz dieser Art im Jahr 1995 gänzlich andere. Noch immer gibt es zwar Politiker wie etwa US-Präsident Donald Trump, die den Ernst der Lage verkennen. Doch zumindest die Wissenschaft ist sich inzwischen weitgehend einig: Die globale Durchschnittstemperatur ist seit den 90er Jahren nachweislich bereits um etwa 0,4 Grad Celsius gestiegen. Und das ist gravierender als es sich zunächst anhören mag.

"Wirklich beängstigend"

"Ich denke, niemand von uns hätte gedacht, dass es so schlimm werden würde, wie es bereits ist", sagt Donald Wuebbles von der University of Illinois, der am vor wenigen Tagen vorgestellten nationalen Klimabericht der USA mitgewirkt hat. "Ein Beispiel ist das Ausmaß der Extremwetter-Ereignisse. So etwas hatten wir uns damals nicht ausgemalt. Und die Entwicklungen sind wirklich beängstigend."

Schon in den 90er Jahren diskutierten einzelne Wissenschaftler über einen möglichen Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur. Das Problem sei allerdings, dass sich niemand über den gesamten Globus verteilt aufhalte und niemand eine Durchschnittstemperatur spüre, sagt Richard Alley von der Pennsylvania State University. Die Menschen litten unter einzelnen Ereignissen an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten – ob Hitze, Starkregen oder Trockenheit.

Klimaforschung hat sich stark weiterentwickelt

Vor den Folgen warnen inzwischen nicht nur die Klimaforscher, sondern auch Ökonomen. Einer von ihnen ist William Nordhaus von der renommierten US-Universität Yale, der dieses Jahr mit dem Wirtschaftsnobelpreis geehrt wurde. Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP betont Nordhaus, dass wegen des Klimawandels bis Ende des Jahrhunderts allein auf die USA wohl jährliche Kosten von 4 Billionen Dollar (3,5 Billionen Euro) zukämen.

Seit den 90er Jahren hat sich die Klimaforschung stark weiterentwickelt. Es gibt genauere Messwerte, leistungsfähigere Computer und ganz generell viel mehr Daten. Zudem verstehen die Experten immer besser, wie sich allgemeine Trends auf den Alltag der Menschen an bestimmten Orten auswirken.

Hauptursache Verbrennung von Kohle, Öl und Erdgas

Michael Mann, der ebenfalls an der Pennsylvania State University tätig ist, hat sich schon als Student mit der globalen Erwärmung beschäftigt. "Damals hätte ich nie geglaubt, dass die Auswirkungen des Klimawandels noch während meiner beruflichen Karriere täglich im Fernsehen gezeigt werden würden", sagt er.

Mithilfe von Computer-Simulationen lässt sich heute gut nachvollziehen, wie etwa Abweichungen bei Luftströmen oder Regenzyklen die Häufigkeit von Extremwetterlagen beeinflussen. Besonders bedeutend aber sei, "dass wir Veränderungen der globalen Temperaturen und sogar einige extreme Ereignisse jetzt konkret auf menschliches Handeln zurückführen können", sagt Robert Watson, der von 1997 bis 2002 Vorsitzender des Weltklimarates IPCC war. Als Hauptursache nennt der britische Forscher die Verbrennung von Kohle, Öl und Erdgas.

"Wir erleben einige Überraschungen"

In Studien konnte unter anderem gezeigt werden, dass bei verheerenden Wirbelstürmen wie "Harvey", "Maria" oder "Katrina" der Regen gerade aufgrund des Klimawandels besonders heftig war. Auch die zunehmenden Hitzewellen und Dürrephasen, wie 2010 in Russland, sind Experten zufolge auf den Klimawandel zurückzuführen. Gleiches gilt für die immer häufiger auftretenden Waldbrände im Westen der USA.

Mit den Folgen haben längst auch Mediziner zu tun. "Wir erleben einige Überraschungen", sagt Kristie Ebi, Expertin für globale Gesundheit von der University of Washington. Mücken in Kanada würden ehemals tropische Krankheiten übertragen und Warmwasserkrebse hätten Bakterien bis nach Alaska gebracht. Viele dieser Entwicklungen seien deutlich schneller abgelaufen als erwartet.

Prognosen waren eher zu verhalten

Renee Salas vom Massachusetts General Hospital betont, dass es dabei nicht nur um abstrakte Statistik gehe, sondern um echte Patienten. "Als ich einer traurigen Mutter mitteilen musste, dass ich ihre vierjährige Tochter nach dem vierten Besuch in einer Woche wegen eines Asthma-Anfalls einweisen sollte, war mir der Klimawandel sehr präsent. Denn ich wusste, dass ihre Krankheit auf die erhöhte Pollenbelastung zurückzuführen war", sagt die Ärztin, die im Fachmagazin "Lancet" einen Beitrag über die gesundheitlichen Folgen der globalen Erwärmung veröffentlicht hat.

Politiker und andere Laien haben Klimaforschern in den vergangenen Jahren immer wieder "Panikmache" vorgeworfen. In Wahrheit aber seien die Prognosen der Experten in den meisten Fällen eher zu verhalten gewesen, sagt Watson. Fast jedes Mal, wenn Wissenschaftler bei einer Sache daneben gelegen hätten, hätten sie ein Problem nicht überschätzt, sondern unterschätzt.

"Wissen, dass wir womöglich Beginn einer Katastrophe miterleben"

Inzwischen wird allerdings auch zunehmend über Worst-Case-Szenarien diskutiert – über sogenannte Tipping-Points, ab denen eine Entwicklung plötzlich einen anderen Verlauf nimmt oder sich stark beschleunigt. Beispiele wären größere Abbrüche polarer Eisschilde oder das Abflauen einer globalen Meeresströmung.

"Anfang der 90er Jahre gab es lediglich Andeutungen dafür, dass beim Klimasystem ein Tipping-Point erreicht werden könnte", sagt Jonathan Overpeck von der University of Michigan. "Heute wissen wir, dass wir womöglich den Beginn einer Katastrophe miterleben werden, bei der die Hälfte der Arten dieser Welt aussterben könnte."